Fall, 2017

Die Zukunft muss enden, denn größer wird's nicht

»Wie wird eine Welt aussehen, in der die Pornoindustrie nicht mehr wächst?«


Es ist DIE, es ist die EINE absolut globalisierte Generation. Die »Great American Novel«, die es zuerst auf Deutsch geschafft hat, verlegt von der Afghanin Shakera Rahimi. Der moderne Generationenkonflikt, der die Alten blind lässt und sich zwischen den Geschlechtern abspielt. Das Ende der 68er: Eine Generation, deren Pubertät von Beginn an von Videopornographie begleitet wurde, der ganz normale 20-Jährige, dem zehntausendfache Nacktheit geläufig ist und dessen neue Freundin nicht versteht, welcher Lesbe der Strap-On am Ende des Kampfes zusteht...

Which one do you like most?

Auszüge

"Ich hatte nackte Frauen gezeichnet - so viel ist sicher -, und wohl um der Differenzierung willen muss ich jeder an einer anderen Stelle Haare verpasst haben. Die anschließende Frage war evident: »Welche gefällt dir am besten?« Das schrieb ich darunter, auf Englisch, das klang cooler. Vielleicht war es auch im Englischunterricht?"

"Mein Vater ist restlos begeistert davon. Schon Anfang Januar hatte ich es ihm gezeigt. Seitdem malt er jeden Abend. Sein Vater hatte ihn ja dazu gebracht, anstatt Kunst Architektur zu studieren. Das eigentlich Krasse: Er lässt sein ohnehin helles Arbeitszimmer umbauen, bricht zwei Wände weg und will stattdessen einen Erker mit durchgängiger Glasfront und Glasdach."

"Ich kann ihn einfach nicht ansehen. Trauerndes Misstrauen widerspricht sich, oder? Lässt mich mit einer Emotionsmischung reagieren, die in Reaktion auf alles, was er tut oder sagt, in mir aufwallt - darin kämpfen Mitleid und Aggression einen ewigen Kampf. Er schlägt mir die Sonnenbrille vom Kopf und glaubt mir Beine machen zu können. Dabei malt er den ganzen Tag, was ich erfunden hab."


aus KAPITEL (1) PRÄLUDIUM

Ich hätt's schon als Achtjähriger verstanden, denk' ich, alle meine Freunde hätten es verstanden... 
Deshalb hat's mich ja so geschickt. Sie hat nicht locker gelassen. Klar, kann man verachten, diese Neugierde. War aber auch süß.
     »Du schaust Pornos? Welche denn?«

Ist nicht zum Lachen. Ehrlich nicht. Ich hab nicht mal gezögert, zu jedem Ort s mit der Faust, eher gespielt als ernst, klar; eigentlich zitierte ich nur Alexandre:

     »Gewalt, Inzest, Teens!« »WAS?« .. Ich lachte, war doch nur Spaß; trotzdem hab ich's gesagt: »Catfight«. Manchmal kann man den Mund eben nicht halten. 
     »Das guckst du?«, »Was ist das?«
     Ich kam mir vor wie ein Teenie, der einer Oma was vorspielt. Nein, eher der Klasse, Fröhlicher Landmann, so ganz lässig. Da gab's jetzt nicht diese Bewunderung, klar, aber der atmosphärische Graben zwischen uns war spürbar ...  Ich war sozusagen die Brücke, also eigentlich auch der Graben. Wo war ich stehen geblieben? Alexandre ... Kein Spanier, man könnte denken Franzose, aber die Portugiesen schreiben das auch so, ich hab das gemogelt. Absoluter Pfefferminztee-Junkie. Hat ihn sich frisch gebrüht aus einer Biobäckerei. Neben der Videothek, die er leitet. Mit einem Elan wie ..., so furchtbar penibel.
     »Teens, Gewalt und Inzest«, hat er zu mir gesagt, »die machen mindestens neunzig Prozent aller ausgeliehenen Pornos aus. Den Rest kannst du vergessen.«

 

 aus KAPITEL (2) PORNOGENERATION 

                                       Am 1. Oktober 2009.

Ich weiß, es ist unglaublich, dass ich erst jetzt wieder schreibe! Aber »Sklave meiner selbst« klingt so, ich weiß gerade nicht das richtige Wort, schön? Man sieht sich in einer Kultur verhaftet und glaubt deshalb einen freien Willen zu haben ... Ich bin völlig abgeschweift.

     ICH HABE EINE FREUNDIN!

     Na?

     Jetzt denkt man »toll, endlich, er hat’s geschafft ...«, keine Ahnung, dass es mir halt gut ginge und ich erfüllt sei ...

     ALLES FALSCH!

     Jetzt denkt man natürlich, ich sei schwul. Auch falsch. Obwohl

mein Schwanz ein paar Mal nicht so wollte, aber das hatte andere Gründe ... Ehrlich!

     Um es klar zu sagen: mir geht es wirklich schlecht! Dabei ging es mir schon schlechter in den letzten 6 Wochen. Der Geist scheint irgendwann, wie ein eigenständiger Organismus, sich Wege zu bahnen beziehungsweise wird resistent gegenüber manchen Sorgen... 

 

                                            Am 8. Oktober 2009.

Ich liebe sie ganz einfach nicht! Ich weiß, dass, verglichen mit der Liebe zu Anna, hier das fad und blass ist. Und mein Herz wird so schwer bei dem Gedanken! So schwer! Weil ich dann an Linda denke. Doch frage ich mich immer und immer wieder, warum mich das so fertig macht?! Jetzt ist sie gerade in Portugal mit dem LJO NRW (Landesjugendorchester), deshalb telefonieren wir nur wenige Mi- nuten alle zwei Tage. Ich bin sehr glücklich darüber! Ich fühle mich vielleicht falsch. Denke, dass sie nicht hübsch genug ist. Finde sie nicht hochattraktiv ... Warum gehe ich mit ihr?? ...

 

 

...

(Brüste, groß, die relativ tief begannen, trotzdem gab’s keinen Schlitz in ihrem Ausschnitt. Schon sechzehnjährig fiel’s mir auf, fiel mir auf, dass es mir auffiel, und mich nicht störte. Sand in den Augen, Schokorest im Mundwinkel, verquollenes Gesicht. Nicht als Makel, woran ein Mädchen hing, sondern als ein Mädchen, das Schlafsand in den Augen hatte, ein Mädchen, das gefrühstückt hatte, ein Mäd- chen, das traurig gewesen war. Bei Linda ist’s anders. Ich weiß gar nicht mehr, entweder war’s der letzte Tag, oder wir waren spät für eine Probe, jedenfalls in Eile. Sie hatte eine schöne Wohnung, teilte sich die mit nur einer anderen Geigerin. Aber wir alle haben eigentlich schöne Wohnungen. Und oben von der Burg oder vom Schloss, von den Überäumen und allem, haben wir eine fantastische Sicht über die Toscana ... Meinte, ihr Piercing habe sich entzündet, dabei war es nur ein abartiger Pickel, aber sie wollte es erst nicht glauben, und meinte kuck kuck, ich sollte mir das anschauen, äh, und dann war der Pickel auf und es hat geblutet, bäh, war das Ganze abartig.) 


Shakera Rahimi, Verlegerin

Shakera Rahimi, die 1989, kurz vor dem Ende sowjetischer Vorherrschaft, in Kabul zur Welt kam, verbrachte ihre früheste Kindheit größtenteils in der Obhut ihrer Großmutter mütterlicherseits. Nachdem der Großmutter, der Schwester ihrer Mutter und einem Onkel die Flucht in die Vereinigten Staaten gelang, kam Rahimi zeitweise in ein Kabuler Kinderheim, bis sie mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester ebenfalls die Flucht aus der umkämpften Stadt wagten, die 1992 vollständig unter die Kontrolle der Mudschahedin fiel. Trotz Unterstützung der Tante und wiederholter Versuche schafften sie es nicht weiter als bis Hamburg. Rahimis Mutter, die schon in ihrem Heimatland unter schweren Depressionen gelitten hatte, nahm sich zwei Jahre später in einem Flüchtlingsheim in Mecklenburg-Vorpommern das Leben. Ihr Vater starb zwölf Jahre später, zwei Monate nachdem sie und ihre Schwester den deutschen Pass erhielten. 

mail@galerie-rahimi-berlin.de

 

 


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